Seit dem ersten Aufflackern der Logik im menschlichen Geist schien es den Menschen unumgänglich, dass ihre Welt geplant und gestaltet werden musste. Denn auch der Narzissmus wurde der Menschheit mit in die Wiege gelegt. Wie sonst könnte etwas so hoch entwickeltes wie ein Mensch entstehen, wenn er nicht genau so gewollt wäre, und zwar von dem perfekten Wesen, das niemals Fehler macht: Gott.
Mittlerweile hat uns die Evolutionstheorie gezeigt, dass es auch ohne ein höheres Wesen geht. Doch damit werde ich mich nicht befassen. Stattdessen soll die hypothetische Tat eines hypothetischen Gottes analysiert werden: Warum sollte er eine Welt erschaffen?
Doch zuvor benötigt es die Eigenschaften Gottes: Es sei angenommen, dass er das höchstentwickelte Wesen ist, das es geben kann. Er ist die Vereinigung aller Kräfte. Er ist allmächtig. Daraus folgt, dass er allwissen ist. Lassen wir die Paradoxien, die sich daraus ergeben, außen vor und betrachten wieder die Frage: Warum sollte er schöpfen?
Würde er eine Welt erschaffen, so würde er von der ersten Sekunde an wissen, wie es sich entwickelten wird, was zu welchem Zeitpunkt sein wird. Also warum sich die Mühe machen?
Doch gehen wir nun auch davon aus, dass es hierfür einen uns unbekannten Grund gibt. Es sei angenommen, dass es einen Grund gibt, warum er etwas schöpft, obwohl er bereits weiß, wie es enden wird. Es stellt sich noch eine weit wichtigere Frage: Warum überhaupt etwas schöpfen?
Zu einem der vielen unzähligen ungeschriebenen Gesetzen auf dieser Welt zählt die Tatsache, dass Schöpfen gut ist. Jeder Mensch versucht soviel wie möglich zu erschaffen, aufzubauen, zeugen; soviel wie nur irgend möglich zu verseinen.
Da wir quasi Abziehbildchen Gottes sind, der unsere gesamte Welt geschaffen hat, müssen wir es ihm wohl nach machen. Denn fast alle Gläubigen eines monotheistischen Glaubens auf dem Erball sind sich – trotz der unzähligen Kriege, die sie wegen des Glaubens gegeneinander geführt haben – in einem Punkt einig: Gott ist gütig. Ist Gott gütig, so muss es er auch mit dem Erschaffen der Welt gut gemeint haben. Es muss also ein Vorzug im Sein gegenüber dem Nichtsein, dem Nichts existieren. Und wie Leibnitz sagte, muss er, wenn er sich schon an das Schöpfen macht, nicht nur irgendeine Welt, sondern die „beste aller möglichen Welten“ geschaffen haben. Allerdings liegt kein Vorteil im Sein, denn im Nichts ist alles vollkommen.
Es gibt keine Leiden, keine Schmerzen, keine Qualen. Im Nichts mangelt es einem an nichts, man verpasst nichts. Man kann sich nicht wünschen, noch dieses oder jenes zu erleben. Es gibt weder verpasste, noch genutzte Chancen. Man ist nicht! Wie es einem in einem tiefen, traumlosen Schlaf niemals schlecht gehen kann, so ist es im Nichts. Das Nichtsein weist keine Nachteile auf.
Das Sein kann dem Nichts höchstens ebenbürtig werden, wenn es ein vollkommenes Sein ohne Negatives, ohne Leid und sei es auch nur Mitleid ist. Ein vollkommenes Sein müsste für ausnahmslos jeden vollkommen sein. Dann, und nur dann, kann man sagen, dass es gleichgültig ist, ob man das Sein oder das Nichts wählt. In allen anderen Fällen ist das Sein ein relatives Negativum aufgrund des in ihm herrschenden Leids, während das Nichts ein relatives Positivum ist, da man in ihm jedes Leid abstreifen kann. Alles Positive, welches es unbestreitbar ebenfalls im Sein gibt, ist nicht von Belang, da es im Nichts nicht vermisst werden würde.
Macht also nicht ein einziger, sei es auch noch so kleiner Schmerz die ganze Idee der Schöpfung zunichte? Denn im Nichts hätte es dieses negative Gefühl nicht gegeben. Und auch all die positiven, guten Gefühle, Erfahrungen und Wunder können diesen einzigen Schmerz nicht aufwiegen, denn im Nichts hätte man diese positiven Gefühle nicht gemangelt. Und bei näherer Betrachten überwiegen in unserer Welt die Leiden die Momente des Glücks beträchtlich. Warum also Wesen aus dem Nichts ins Sein reißen?
Es gibt nun zwei Möglichkeiten:
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Gott ist ein Sadist
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Gott hatte keine andere Wahl
Die erste Möglichkeit scheint nicht weiter einer Betrachtung würdig, da Sadismus eine rein menschliche Eigenschaft ist und ein omnipotentes Wesen wohl kaum solch niedere Beweggründe haben dürfte. Und selbst wenn dem so wäre, so müsste jede weitere Betrachtung des Schöpfungsaktes zum Stillstand kommen. Es wäre dann die endgültige Antwort auf alles entgegen der Antwort der Religion nicht „Gott meinte es gut“, sondern „Gott meinte es nicht gut“. Dies würde ebensoviel Sinn ergeben und ebenfalls nichts erklären. Daher werde ich zu einem späteren Zeitpunkt genauer auf diese zweite Möglichkeit eingehen.
Es sei angemerkt, dass die Texte, welche unter die Kategorie Weltbild fallen, zusammengestückelte, teilweise fehlinterpretierte und stellenweise weitergeführte Gedanken von einer Reihe von Philosophen sind. Auf Quellenangaben habe ich verzichtet, da ich mir die Mühe sparen möchte. Deswegen hier eine unvollständige Liste mit den Leitfiguren dieser Gedanken: Friedrich Nietzsche, Arthur Schopenhauer, Ulrich Horstmann, Philipp Mainländer, Ludger Lütkehaus, Jean-Paul Sartre, E.M. Cioran, Richard Dawkins, und weitere.