IV. Gottvernichtungsmaschinerie

Friedrich Nietzsche schrie es schon vor über 100 Jahren in die Welt hinaus: „Gott ist tot!“. Allerdings liegt er da nicht ganz richtig. Gott ist nicht tot, er liegt im Sterben. Und ebenfalls anders als bei Nietzsche sind nicht wir dafür verantwortlich zu machen, sondern Gott höchst selbst ging den letzten Schritt. So sah es der Suizidant Philipp Mainländer.

Es ist allerdings unbekannt, und wird es vermutlich für immer bleiben, welcher Art das transzendente Wesen war, welches sich entschloss, lieber im Nichts aufzugehen. Für Mainländer musste es sich um ein intelligentes Wesen gehandelt haben, da es für ihn sehr wichtig war, dass Gott diese Tat bewusst vollzogen hat. Nach seiner Auffassung konnte Gott nicht direkt ins Nichts übergehen, da seine Existenz und seine Allmacht ihm dabei selbst im Weg standen. Ein Gott sei allmächtig gegenüber seiner Umwelt, aber nicht sich selbst gegenüber. Deshalb, so Mainländer, zerfiel Gott ins Materielle; in unser Universum, da er nicht sein wollte, sondern viel lieber nicht sein.

Der Begriff der Entropie existierte zu Mainländers Zeit noch nicht. Für ihn hatte das alles nichts mit Physik zu tun, sondern mit dem letzten Überbleibsel der transzendenten Ebene. Für ihn musste sich die Kraft Gottes immer weiter schwächen. Und dies geschieht sowohl im chemischen Kampf der Elemente, als auch im blutigen Kampf der Menschen. Die Menschheit ist dazu da, die Kraft effektiv zu schwächen; sei es durch Kriege, Streitereien oder auch nur Selbstkontrolle. All dies erzeugt Reibung auf geistiger Ebene und schwächt die Kraft bis zu ihrem erliegen.

Meiner Auffassung nach ist es jedoch viel zu unwahrscheinlich, dass aus unbekanntem Grunde eine Gottheit entstehen sollte, die ein vollendetes Wesen mit höchster Intelligenz darstellt. Nein, es geht auch einfacher, ohne diese unnötige Komplexität. Es muss sich nicht um die höchste Form von Intelligenz gehandelt haben, es würde schon reichen, wenn es einfach die höchste Form der Existenz darstellen würde. Existenz im simplen materiellen Sinne: Energie.

Seit Einstein wissen wir, dass Energie auch in Materie umgewandelt werden kann, und umgekehrt. Dies erfordert jedoch einen extremen Aufwand. Soll heißen, ab einem bestimmten Level an Aufwand wird sämtliche Materie zu Energie. Ebenso zeigen die neuesten Forschungsergebnisse, dass ab einem bestimmten Level an Energie, alle physikalischen Kräfte zu einer verschmelzen. Kurz gesagt, am Anfang des Universums, wie wir es kennen, war alles eins. Die vollkommene Form der Existenz. Das pure Sein.

Anstatt ein höchst unwahrscheinliches Wesen an den Anfang zu stellen, haben wir nun zwei gleich wahrscheinliche Zustände geschaffen. Sein und Nichts. Eine 50:50 – Chance. Es stellte sich am Anfang des Universums nur noch die alte Hamlet-Frage: „Sein oder nicht sein?“. Man kann nun sogar ruhigen Gewissens den puren Zufall als das Entscheidungskriterium für diese Frage deklarieren.

Allerdings habe ich im Namen einiger Philosophen bereits unter den anderen Punkten erläutert, dass das Nichts dem Sein um jeden Preis vorzuziehen ist. Alles was ist, muss vergehen. Alles was ist, will nicht sein. So wollte auch die höchste Form von Existenz am Anfang dieser Welt nicht sein. Natürlich kann nicht von einem bewussten Willen gesprochen werden, sondern es handelt sich viel mehr um eine natürliche Notwendigkeit, so wie ein Apfel vom Baum fallen, oder wie sich Petroleum entzünden will.

Doch die Schöpfung war bereits geschehen. Das Sein konnte nicht mehr zurück. Aber es hatte einen Ausweg; es gab einen Zustand, der dem Nichts so nahe wie möglich kam. Der Zustand vollkommener Entropie, der Abwesenheit jeglicher Information; den Wärmetod. Das Universum begann sich selbst zu löschen, ganz wie der ihm innewohnende Drang zum Nichts hin, es ihm befahl. Das Übersein zerfiel, die Kräfte entkoppelten sich, Energie wandelte sich um zu Materie. Der Urknall.

Man mag sich jedoch Fragen, wozu dann wir entstanden sind? Wozu all das Komplexe? All die Planeten, Sonnensysteme, Galaxien und Supercluster? Dies ist wieder einfache Physik:

In einem abgeschlossenen System kann Entropie gleich bleiben oder zunehmen. Niemals jedoch abnehmen. Wird aber lokal die Entropie verringert, etwas Ordnung ins Chaos gebracht und sagen wir ein Planet geschaffen, so benötigt dies einen zusätzlichen Aufwand und der Gesamtgehalt der Entropie steigt. Entwickeln sich nun hochkomplexe Systeme auf großer Ebene, wie Galaxien, und auch noch auf kleiner Ebene, wie z.B. ein menschliches Gehirn, so steigt das Gesamtmaß der Unordnung im Universum dramatisch an. Wir beschleunigen den Verfall des Universums; das ist unser Auftrag, der Grund für unser Dasein. Wir leben, weil es kein Leben geben sollte. Und wir machen unsere Sache gut. Wir sind die Größten, wenn es darum geht höhere Energieformen in die unbrauchbarste – nämlich Wärmeenergie – umzuwandeln. Denn zu guter Letzt wird das Universum nichts weiter sein, als ein Gas mit einem bestimmten Wärmegehalt. Dies ist die letzte Information, die übrig bleiben wird.

Das ist der Kompromiss, den das Sein eingehen kann. Es ist nicht völlig Nichts, aber es ist immerhin nur eine Information vom Nichts entfernt. Näher kann es der Nichtexistenz, dem vollkommenem Zustand nicht kommen. Das Sein ist erlöst.

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