Selbstreflexion

Über mich selbst gibt es nichts zu sagen. Ins Sein gezwungen, verharre ich hier für unbestimmte Zeit. Nie widerfuhren mir unaussprechliche Dinge, es ist der Alltag, es ist das Leben, das mir die Kehle zudrückt.

Die Obsession des Selbstmordes ist charakteristisch für den, der weder leben noch sterben kann und dessen Aufmerksamkeit sich niemals von dieser doppelten Unmöglichkeit entfernt. (E.M.Cioran – Die verfehlte Schöpfung)

Zugegeben, ich tue nichts. Aber ich sehe die Stunden verstreichen – was besser ist, als versuchte ich sie auszufüllen. (E.M.Cioran – Vom Nachteil geboren zu sein)

Angesichts der Nichtigkeit und der Leiden des Lebens ist es weder mit dem guten Gott noch mit dem Leben etwas. Der eine ist nicht – das andere wäre besser nicht und wäre auch besser nie gewesen. Die Alternative zur schlechtesten aller möglichen Welten ist nicht etwas eine bessere, sondern gar keine Welt. (Ludger Lütkehaus – Nichts)

Das Nichtsein wäre in bezug auf den Verlust der Lust kein realisiertes Minus, in bezug auf das annullierte Leiden ein gar nicht realisationsbedürftiges faktisches Plus, das Sein in bezug auf das ihm anhaftende Leiden ein sehr wohl realisiertes Minus, in bezug auf den Gewinn an Lust dennoch gegenüber dem empfindungslosen Nichtsein kein Plus. Kurzum: Nur völlige Glückseligkeit könnte die existentielle Rechnung egalisieren. Selbst völlige Glückseligkeit könnte sie nur egalisieren. Bestenfalls ein existentielles Remis. (Ludger Lütkehaus – Nichts)

Wenn das Leben an sich selbst ein schätzbares Gut und dem Nichtseyn entschieden vorzuziehen wäre; so brauchte die Ausgangspforte nicht von so entsetzlichen Wächtern, wie der Tod mit seinen Schrecken ist, besetzt zu seyn. Aber wer würde im Leben, wie es ist, ausharren, wenn der Tod minder schrecklich wäre? (Friedrich Nietzsche – II)

Alles ist gleich, es lohnt sich Nichts, Welt ist ohne Sinn, Wissen würgt. (Friedrich Nietzsche – IV)

Jetzt denke ich für niemanden mehr; ich bemühe mich nicht einmal, nach Wörtern zu suchen. Das fließt in mir, mehr oder weniger schnell, ich halte nichts fest, ich lasse es laufen. Meistens bleiben meine Gedanken, da sie sich nicht an Wörter binden, nebelhaft. Sie nehmen unbestimmte und gefällige Formen an, sinken in sich zusammen: sofort vergesse ich sie. (Jean-Paul Sartre – Der Ekel)

Ich bin frei: ich habe keinen einzigen Grund mehr zu leben, alle, die ich ausprobiert habe, haben versagt, und ich kann mir keine anderen mehr ausdenken. Ich bin noch ziemlich jung, ich habe noch genügen Kräfte, um neu anzufangen. Aber was soll man neu anfangen? (Jean-Paul Sartre – Der Ekel)

Ich schreibe dies nicht für die anderen: sie würden nichts verstehen. Im übrigen ist mir nicht daran gelegen, meinen Beitrag zum menschlichen Fortschritt zu leisten. Ich schreibe für mich selbst … aus Würde. Nein: nicht aus Würde, das widert mich an, das wäre wieder Humanismus. Ich habe keine Würde, ich habe nie welche gehabt; die Größe des Menschen, darauf pfeife ich, ich pfeife auf das denkende Schilfrohr. Aber wie auch immer, ich werde schreiben: Und sei es nur, um die Zeit totzuschlagen. (Jean-Paul Sartre – Der Ekel)

7 Responses

  1. Kein Mensch möchte sich wirklich töten. Die meisten wollen nur anders leben. Der Wunsch sich zu töten entsteht erst dann, wenn mensch nicht mehr meint die Kraft aufbringen zu können, dass eigene Leben lebenswert zu gestalten.

    Leben kann was tolles sein, planst du ernsthaft dich zu töten?

  2. Nicht die fehlende Kraft, das Leben lebenswert zu gestalten, sondern das Bewusstsein, dass keine erdenkliche Lebensweise es schaffen würde, mich glücklich zu machen, bringt mich auf diese Gedanken.
    Schließlich habe ich auch jetzt kein schlechtes Leben.

    Nein, ich plane nicht mich in nächster Zeit zu töten. Wie im ersten Zitat geschrieben steht: Die Obsession des Selbstmordes ist für den, der weder leben noch sterben kann.
    Demjenigen, der sich tagtäglich mit diesem Thema befasst, fällt es wesentlich leichter die Tat immer weiter zu verschieben. Am Ende wird sie, wenn überhaupt, ohne jeden Leidenschaft begangen werden.

  3. Das sehe ich anders. Ich glaube du denkst nur das dich nichts wirklich glücklich machen kann. Aber dass muss ja nicht zwangsläufig passieren. Was fehlt dir denn zu deinem ersehnten Glück?
    Ich kann mir nicht vorstellen das dein Sein ewig würgt.

  4. Hier gibt es wohl ein Verständnisproblem. Mir fehlt nichts zum Glück. Ganz im Gegenteil. Es ist alles viel zu viel! Die Welt, die Menschen, das Leben, mein Leben sind zuviel; sind mir zuviel.
    Sieh dir doch die Alternative an: Im Nichtsein gibt es kein Leid, keinen Schmerz, keine Trauer, keinen Verzicht, keine Sehnsüchte, kein Verlangen. Man verpasst nichts im Nichtsein!
    Die guten Seiten des Seins spielen im Nichts keine Rolle. Die schlechten Seiten allerdings, seien sie auch noch so selten, sind ein faktisches Minus!

    Deine Wertevorstellung scheint die gute alte abendländische zu sein: Das Sein ist gut, das Nichtsein schlecht. Schaffen ist gut, Nichtschaffen mit Zerstörung gleichzusetzen. Aber wieso? Wieso ist das Sein soviel besser als das Nichtsein?

  5. Du bist aber nicht zuviel. Du sprichst von Schmerz, Trauer, Verzicht, Sehnsüchten die dir zuviel sind – es scheint also es gibt da so manches das du zuwenig hast. Jeder Mensch benötigt ja nicht nur materielle Dinge, sondern auch Sachen wie Nähe, Aufmersamkeit oder Zuneigung.

    Mit protestantischem Arbeitsethos habe ich nix am Hut. Ich setze Nichtschaffen auch nicht mit Zerstörung gleich, Selbstmord allerdings schon. Und der beste Grund dafür, das es besser ist wenn du da bist als wenn du nicht da bist, ist, du bist dann da. DAS ist schon mal eine wichtige Sache.

  6. Wieso ist Selbstmord Zerstörung? Es ist eine Entscheidung, die jedem frei stehen sollte! Schließlich wurde man nicht gefragt, ob man Sein möchte (was auch relativ schwer sein dürfte, wenn man noch nicht ist). Das sogenannte „Wunder der Geburt“ ist doch nichts
    weiter als das „Diktat der Geburt“. Es ist ein Zwang, man hat keine Wahl.
    Erst DANACH kann man sich, wenn man möchte, dagegen entscheiden. Man kann sagen: „Danke, ich habs mir angeschaut. Nichtsein ist mir lieber“. Man kann sich selbst widerrufen, seine Geburt annullieren. Sollte man ein „Geschenk“ nicht auch ablehnen dürfen?

  7. Meint ihr, ich sei hier um wiedergutzumachen was ihr schlecht machtet? Oder ich wollte fürderhin euch Leidende bequemer betten? Oder euch Verirrten, Verkletterten neue, leichtere Fußsteige zeigen?
    Nein, Nein, Dreimal Nein! Immer mehr und bessere eurer Art sollen zugrunde gehen, denn ihr sollt es immer schlimmer und härter haben, so allein -
    - so allein wächst der Mensch in die Höhe, hoch genug für den Blitz der ihn trifft und zerbricht.
    Auf Weniges, Langes und Fernes geht mein Sinn und meine Sehnsucht, was ginge mich euer kleines, vieles, kurzes Elend an?
    Ihr leidet mir noch nicht genug. Denn ihr leidet an euch, ihr littet noch nicht am Menschen. Ihr leidet alle nicht, woran ich litt!
    ***
    So ähnlich lautet ein Kapitel aus Nietzsches „Zarathustra“, welches ich hier hinterlassen wollte.
    Ihre Ansichten zu lesen war interessant und barg sehr viel meiner eigenen Erkenntnisse – wahrscheinlich aufgrund der ähnlichen Litteratur, welche ich lese.

    Bzgl. Selbstmord fahre ich ganz in Ihrem Kielwasser: niemand hat sich ausgesucht zu leben, wir wurden auf die Erde „gespuckt“. Warum bin ich Ich? Wir haben nicht die „Macht“ bekommen, uns selbst zu gebären, aber wir haben die Werkzeuge, um uns selbst aus der Welt zu schaffen. Wenn es falsch wäre, seine eigenen Hände zu verwenden, um sich aufzuhängen oder dergleichen, wieso ist es dann nicht auch falsch, seine Hände zum Essen oder Trinken zu gebrauchen?

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